Foto: pixabay

Energiewende im Fluss

05.11.2020|Forschungsnews

EU-weites Forschungsprojekt an der Hochschule Landshut entwickelt Konzept, um die Abkehr von fossilen Brennstoffen in zehn Ländern des Donauraums zu beschleunigen – beteiligt sind 14 Partner aus ganz Europa

Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer: Die Donau zählt zu den ältesten europäischen Handelsrouten und verbindet als zweitlängster Fluss Europas zehn Länder miteinander. Diese Rolle kommt ihr auch im neuen Forschungsprojekt DanuP-2-Gas zu, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Energiewende im gesamten Donauraum voranzubringen. Unter der Leitung des Technologiezentrums Energie (TZE) an der Hochschule Landshut entwickeln Forscherinnen und Forscher aus 14 Partnerunternehmen und -institutionen ein umfassendes Konzept, das alle zehn Länder entlang der Donau umfasst und zu einer einheitlichen Erzeugungs- und Speicherstrategie für erneuerbare Energien in der Region führen soll. Ihre Idee: Die Kopplung des Strom- und Gassektors voranzutreiben, derzeit ungenutzte Energiequellen einzubeziehen und durch Erzeugung von erneuerbarem Erdgas (Renewable Natural Gas – RNG) eine effektive Alternativen zu fossilen Energieträgern (insbesondere zu fossilem Erdgas) zu entwickeln. Das ambitionierte Projekt wird vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) sowie von Instrument for Pre-Accession Assistence (IPA) gefördert. Die gesamte Projektsumme liegt bei über 2,5 Millionen Euro.

Einmaliges Konzept

„Obwohl der Donauraum ein enormes Potenzial für die nachhaltige Erzeugung und Speicherung erneuerbarer Energien birgt, sind der Anteil und die Effizienz dieser regenerativen Energien hier bisher gering“, erklärt Projektleiter Prof. Dr. Raimund Brotsack vom TZE, „das macht die Region abhängig von Energieimporten.“ Hier setzt das neue Forschungsprojekt an. Das Konzept der Forschenden ist, die Energie aus Biomasse und erneuerbare Energiequellen – wie beispielsweise Sonnen- und Windenergie – langfristig in Form von erneuerbarem Erdgas zu speichern. „Das ist bisher einmalig“, so Brotsack. Konkret heißt das: Ungenutzte organische Reststoffe wie Holz werden zu Biomasse verarbeitet, über den Transportweg Donau an zentrale Knotenpunkte gebracht und dort unter Einbeziehung von erneuerbarer Energie aus Wind und Sonnenlicht zu RNG in Erdgasqualität umgewandelt. Das so erzeugte RNG kann über das vorhandene Erdgasnetz europaweit verteilt und genutzt werden. Damit verringert sich der Einsatz kohlenstoffhaltiger Energieträger. Die Folgen: Es gelangt weniger Treibhausgas CO2  in die Atmosphäre und die Region ist weniger abhängig von fossilen Erdgasimporten.

Das Team von DanuP-2-Gas
Das DanuP-2-Gas-Team des Technologiezentrums Energie (v. l.): Robert Hahn, Prof. Dr. Raimund Brotsack, Astrid Heindel, Dr. Reinhart Schwaiberger; weiteres Teammitglied: Dr. Tim Bieringer
Foto: TZ Energie / Dominik Wenzke

Technologie direkt nutzbar

Die in RNG gespeicherte Energie kann dann in den verschiedenen Sektoren Wärme, Strom und Transport genutzt werden, ohne dass bereits vorhandene Anlagen technisch umgerüstet werden müssen. Dr. Tim Bieringer, Mitarbeiter am TZE, erläutert: „Ein bestehendes Gas- oder Dampfkraftwerk, das Wärme und Strom aus Erdgas produziert, kann genauso mit RNG betrieben werden wie mit fossilem Erdgas.“ Zu diesem Zweck bewerten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Biomasse-Potenzial und die vorhandene Infrastruktur in der Donauregion und veröffentlichen die aufbereiteten Daten in einem „Renewable Energy Atlas“, der allen interessierten Stakeholdern zugänglich ist.  „Dass diese Technologie unmittelbar genutzt werden kann, macht das Projekt sowohl für Investoren als auch für Verbraucherinnen und Verbraucher interessant“, ergänzt der Projektleiter, „denn sie sichert uns eine stabile Energieversorgung mit klimafreundlichem Erdgas.“

Plattform für Interessensgruppen

Als zentrale Grundlage für das Forschungsprojekt dient die Donau-Energieplattform, die während des Projekts ENERGY BARGE entwickelt wurde. Dieses Kooperationsnetzwerk bringt Energieagenturen, Wirtschaftsakteure, Behörden und Forschungseinrichtungen zusammen, bezieht sie in die Prozesse mit ein und ermöglicht ihnen, sich auszutauschen sowie ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Ebenfalls Aufgabe des Forschungsprojekts ist es, die politische und rechtliche Lage der zehn Länder zu untersuchen. Dazu kooperieren die Projektpartner mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Entwicklung, um eine langfristige Strategie für den gesamten Donauraum zu erarbeiten, von der alle Länder profitieren.

Digitale Pressekonferenz
Bei einer digitalen Pressekonferenz wurde das Projekt vorgestellt.
Screenshot: TZ Energie

Nützliche Instrumente zur Umsetzung

Um die wirtschaftliche Machbarkeit der Konzepte zu unterstreichen, entwickeln die Forscherinnen und Forscher schließlich zwei Tools. Sie ermöglichen den Ländern, potenzielle Standorte für sogenannte „Sector Coupling Hubs“ zu identifizieren. Dabei zeigt ein Optimierungstool die spezifischen Voraussetzungen eines jeden Standorts auf und empfiehlt dafür geeignete Anlagen und Betriebsweisen. „Damit sparen sich zukünftige Investoren die anfängliche Analyse“, erklärt Brotsack, „und die Stakeholder können am Ende selbst Folgeprojekte zur tatsächlichen Erbauung von Anlagen entwickeln.“

Über das Projekt DanuP-2-Gas

Das Projekt „DanuP-2-Gas: Innovatives Modell zur Förderung der Energiesicherheit und -vielfalt im Donauraum durch Kombination von Bioenergie mit überschüssiger erneuerbarer Energie“ läuft von 2020 bis Ende 2022. Die Projektleitung übernimmt das Technologiezentrum Energie (TZE) der Hochschule Landshut. Daneben sind 13 weitere Projektpartner sowie 10 assoziierte Partner aus insgesamt 12 europäischen Ländern am Forschungsprojekt beteiligt. Gefördert wird das Projekt vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) mit über 2,1 Millionen Euro sowie von Instrument for Pre-Accession Assistence (IPA) mit über 61.300 Euro. Die gesamt Projektsumme liegt bei über 2,5 Millionen Euro.

Projektname:DanuP-2-Gas: Innovatives Modell zur Förderung der Energiesicherheit und -vielfalt im Donauraum durch Kombination von Bioenergie mit überschüssiger erneuerbarer Energie
Laufzeit:07/2020 – 12/2022
Projektpartner:                 Assoziierte Partner:Technologiezentrum Energie, Hochschule Landshut, Deutschland
TH Deggendorf, Deutschland
Energy Agency of Savinjska, Šaleška and Koroška Region, Slowenien
Tolna County Development Agency Nonprofit Public Ltd., Ungarn
Energieinstitut, Johannes Kepler Universität Linz, Österreich
Black Sea Energy Research Centre, Bulgarien
URBASOFIA SRL, Rumänien
National Recycling Agency of Slovakia, Slowakei
Institute of Technology and Business in České Budějovice, Tschechische Republik
MAHART-Freeport Co. Ltd, Ungarn
International Centre for Sustainable Development of Energy, Water and Environment Systems, Kroatien
Energy Institute Hrvoje Požar, Kroatien
University of Zagreb Faculty of Electrical Engineering and Computing, Kroatien
Regional Agency for Socio – Economic Development – Banat Ltd, Serbien Regierung von Niederbayern, Deutschland
Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Deutschland Ministry of Infrastructure, Directorate for Energy, Slowenien
Ministry of the Environment and Spatial Planning, Slowenien
Municipality of Celje, Slowenien
The Ministry of Agriculture of the Czech Republic, Tschechische Republik
Hungarian Biogas Association, Ungarn
JP Elektroprivreda Hrvatske Zajednice Herceg Bosna d.d. Mostar, Bosien und Herzegowina
Ministry of Foreign Affairs and Trade of Hungary,Ungarn
Bioenergetica Association, Moldawien
Projektleitung:Prof. Dr. Raimund Brotsack, Technologiezentrum Energie (TZE)
Mitarbeiter Hochschule Landshut:Dr. Tim Bieringer / Robert Hahn / Astrid Heindel
Programm:Danube Transnational Programme, Interreg B
Gesamtprojektsumme:2.553.727 Euro
Finanzierung:Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE):  2,109,336.02 Euro Instrument for Pre-Accession Assistence (IPA): 61,332 Euro.

Über die Hochschule Landshut:
Die Hochschule Landshut steht für exzellente Lehre, Weiterbildung und angewandte Forschung. Die sechs Fakultäten Betriebswirtschaft, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, Interdisziplinäre Studien, Maschinenbau und Soziale Arbeit bieten über 50 Studiengänge an. Das Angebot ist klar auf aktuelle und künftige Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Die rund 4.600 Studierenden profitieren vom Praxisbezug der Lehre, der individuellen Betreuung und der modernen technischen Ausstattung. Für Forschungseinrichtungen und Unternehmen bietet die Hochschule eine breite Palette an Projektthemen, die von wissenschaftlichen Fachkräften mit bestem Know-how betreut und umgesetzt werden. Rund 120 Professorinnen und Professoren nehmen Aufgaben in Lehre und Forschung wahr.

Über das TZ Energie:
Das TZE als externes Technologietransfercenter am Standort Ruhstorf a. d. Rott bündelt die Expertise der Hochschule Landshut in der Energieforschung. In Ruhstorf entwickeln wir die technischen Lösungen für die Zukunft der Energie. Unsere Forscher arbeiten an Energiespeicherung, intelligenten Energienetzen, Energieeffizienz und Energiesystemen. Wir untersuchen, wie diese Komponenten optimal zusammenspielen, und zeigen, wie sie sich in der Praxis anwenden lassen. Der Focus der Forschung am TZE liegt dabei auf Themen zur Energiespeicherung mit Projektarbeiten im Kontext von Batterien bzw. hybriden Systemen zur Kurzzeitspeicherung. Im Labor für Grüne Gase werden in Kooperation mit der TH Deggendorf überwiegend Power-to-Gas-Themen und Transformationsprozesse für die saisonale Speicherung erneuerbarer Energie bearbeitet.


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