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Fuß vom Gas, autofreie Sonntage oder E10 im Tank – wie verbrauchen wir weniger Benzin?

12.04.2022|Interview

Die Preise an der Tankstelle sind aktuell so hoch wie nie. Energiesparen ist deshalb das Gebot der Stunde. Doch welche Maßnahmen sind wie wirksam? Prof. Dr. Ralph Pütz von der Hochschule Landshut spricht im Interview über Tempolimit, autofreie Sonntage und Alternativen für energiesparendes Autofahren.

Die Bundesregierung will die Abhängigkeit von russischen Energieimporten verringern und  hat deshalb Verbraucher und Firmen zum Energiesparen aufgerufen. In der Diskussion steht dabei auch das Thema Autofahren. Die Vorschläge reichen von einem temporären Tempolimit bis hin zu autofreien Sonntagen. Doch wieviel Sprit würden wir bei den einzelnen Maßnahmen sparen? Und welche Alternativen gibt es noch, um beim Autofahren weniger Benzin und Diesel zu verbrauchen? EINFALLSreich hat bei Prof. Dr. Ralph Pütz, Leiter des Studiengangs Nutzfahrzeugtechnik und Experte für Verbrennungsmotoren an der Hochschule Landshut nachgefragt.

Prof. Dr. Ralph Pütz
Prof. Dr. Ralph Pütz ist Leiter des Studiengangs Nutzfahrzeugtechnik und Experte für Verbrennungsmotoren an der Hochschule Landshut.
Foto: Ralph Pütz

Herr Professor Pütz, ein Vorschlag in der aktuellen Debatte ist ein temporäres Tempolimit. Wieviel Sprit würde uns das einsparen?

Prof. Pütz: Es existieren mehrere Studien zu Auswirkungen von Tempolimits, die in ihren Ergebnissen signifikant differieren. Während z.B. das Umweltbundesamt (UBA) in einer 2020 veröffentlichten Studie errechnet hat, dass bei einem Tempolimit von 130 km/h 1,9 Millionen Tonnen weniger CO2-Äquivalente pro Jahr emittiert und damit rund 5 Prozent Kraftstoff eingespart werden – bei einer Begrenzung auf 100 km/h seien es bereits 5,4 Millionen Tonnen, was einer Kraftstoffeinsparung von rund 15 Prozent entspräche – kommt die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) für ein generelles Tempolimit von 120 km/h allenfalls auf eine Senkung der CO2-Emissionen und des Energieverbrauchs um 0,27 Prozent. Bei Tempo 130 km/h wäre gar kein Effekt mehr zu verzeichnen. Ich persönlich halte ein Tempolimit hinsichtlich der energetischen Auswirkungen ebenfalls für wenig zielführend, vor allem vor dem Hintergrund der umfangreichen, andauernden Baustellen auf den Autobahnen sowie dem Fahrverhalten der heterogenen Fahrzeugflotte und dem unkalkulierbaren Fahrverhalten eines jeden Einzelnen, das kaum belastbar abbildbar ist.

Wie sieht die Energieeinsparung bei Alternativ-Vorschlägen wie beispielsweise einem autofreien Sonntag in Deutschland aus? Welchen Effekt hätte ein solcher?

Prof. Pütz: Die Einführung von autofreien Sonntagen würde aufgrund der Verkehrsvermeidung zu einer Kraftstoffeinsparung führen. Einige wenige autofreie Sonntage reichen indes für einen auf den jährlichen Gesamtenergieverbrauch bezogenen, nennenswerten Effekt nicht aus. Bei generell autofreien Sonntagen wäre eine signifikante Kraftstoffeinsparung bis hin zu 15 Prozent realisierbar. 

Viele Autofahrerinnen und Autofahrer spüren die Auswirkungen der Ukrainekrise ja derzeit unmittelbar an der Tankstelle. Welche Tipps können Sie ihnen geben, um möglichst energie- und damit geldsparend zu fahren?

Prof. Pütz: Wo realisierbar, sollten Fahrgemeinschaften gebildet werden. Damit steigt der Besetzungsgrad eines Pkw von deutschlandweit im Mittel 1,5 Personen auf bis zu 5 Personen an – mit den entsprechenden Verbrauchssenkungseffekten. Und insbesondere für weitere Strecken sollte ganz auf das Auto verzichtet und die Eisenbahn gewählt werden, denn diese fährt bei 100 Prozent Auslastung mit rund 1 Liter Dieselkraftstoffäquivalent pro Fahrgast und 100 km (ICE). Analog dazu sollte auch die Anreise zur Arbeitsstelle mit öffentlichen Verkehrsmitteln erwogen werden. Dieser Vorsatz stößt jedoch im ländlichen Raum oft auf unüberwindbare Grenzen. Komplementär wäre zur Verbrauchsreduzierung eine Verkehrsvermeidung durch Home-Office sehr zielführend, wie aus der Corona-Pandemie seit 2020 gelernt wurde.

Der ADAC empfiehlt den Kraftstoff E10 (mit ca. fünf bis zehn Prozent Bioethanol) als preiswertere Alternative zum teuren Benzin. Viele Autofahrerinnen und Autofahrer sind jedoch weiterhin skeptisch und befürchten, der Kraftstoff schade ihrem Auto. Was ist da dran?

Prof. Pütz: Ethanol hat andere chemische Eigenschaften als erdölbasiertes Benzin und ist ein veritables Lösungsmittel. Bei älteren Fahrzeugen – z.B. Modelljahr 2010 und früher und erst Recht bei den sogenannten „Youngtimern“ – können die höheren Anteile an Bioethanol in der Tat Schaden anrichten (u.a. zu Versprödungen der Elastomer-Dichtungen im Kraftstoff-System führen und generell korrosiv wirken). Dieselben Einschränkungen galten seinerzeit auch bei der Einführung von Biodiesel (Rapsölmethylester) für ältere Dieselfahrzeuge, was eine Nachrüstung erforderte. Für neuere Baujahre ist E10 jedoch bedenkenlos zu empfehlen.

In den Supermärkten sind ja derzeit die Speiseöl-Regale oft leer. Da kommt bei manchen die Frage auf: Kaufen einige Verbraucherinnen und Verbraucher Pflanzenöl, um es in den Autotank zu kippen? Wäre das eine gute Idee für Sparfüchse?

Prof. Pütz: Bitte nicht – da ist keine gute Idee! Das größte Problem ist der signifikante Viskositätsunterschied im Vergleich zu Dieselkraftstoff. Pflanzenöle führen aufgrund höherer Viskosität zu Startschwierigkeiten und wirken sich zudem negativ auf Leistung und Lebensdauer der Motoren aus. Und im Winterbetrieb müsste gar eine Einrichtung zur Erhitzung der Hochdrucklanze der Injektoren nachgerüstet werden. Als Fahrzeughersteller würde ich keine Freigabe für die Betankung mit Pflanzenöl geben.

Die Fragen stellte Veronika Barnerßoi


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