„Ich will dazu beitragen, dass Gehörlose besseren Zugang zu Bildung bekommen.“

03.07.2018|Porträt

Prof. Dr. Uta Benner, Professorin an der Fakultät Interdisziplinäre Studien

Vokabeln und Grammatik reichen nicht aus, um eine Sprache wirklich zu verstehen, findet die Sprachwissenschaftlerin Uta Benner: „Sprache hat immer viel mit Kultur zu tun. Das ist natürlich auch bei der Gebärdensprache so. In China zum Beispiel erkennt man oft das Prinzip von Yin und Yang: Gegensätze werden in gegenteiligen Handformen gezeigt“, sagt sie.

„Gehörlose verbindet außerdem eine prägende Erfahrung, die Hörende nicht haben. Sie werden ausgegrenzt, manchmal schon zuhause am Küchentisch, weil die Eltern keine Gebärdensprache lernen.“ Die Professorin erzählt das mit fester Stimme, aber feuchten Augen. „Für viele ist es ein einschneidender Moment, wenn sie mit fünf oder sechs Jahren Gebärdensprache lernen. Plötzlich können sie ihre Gedanken und Gefühle in allen Facetten ausdrücken und sich mit anderen Gehörlosen austauschen und unterhalten. Plötzlich haben sie eine Sprache und eine Gemeinschaft.“

Benner ist in einer anderen, aber auch besonderen Situation aufgewachsen: Die Eltern sind gehörlos, sie und ihr Bruder nicht. Ein Problem war das nie, obwohl Gebärdensprache lange verpönt war und sich viele gehörlose Menschen nicht getraut haben, in der Öffentlichkeit zu gebärden. „Zum Glück war meine Mutter sehr selbstbewusst und hat sich nicht darum geschert, was andere denken. Sie hat immer mit uns kommuniziert“, erinnert sich Benner.

„Aber die Sprache ist immer nur so mächtig wie die Menschen, die sie benutzen“, sagt sie. „Ich will dazu beitragen, dass Gehörlose einen besseren Zugang zu Bildung bekommen“. In ihrer Forschung untersucht sie daher unter anderem, welche Hürden gehörlose Menschen davon abhalten, zu studieren – und wie man diese abbauen kann. „Gehörlose werden immer noch mit Vorbehalt gesehen, man traut ihnen nicht alles zu, nur weil sie nichts hören“, so Benner. „Ich wünsche mir einfach mehr Offenheit von den Menschen.“

Diesen Gedanken gibt sie auch an ihre Studierenden weiter: Benner leitet den Studiengang Gebärdensprachdolmetschen an der Fakultät Interdisziplinäre Studien. Die Absolventinnen und Absolventen werden in ganz Deutschland dringend gebraucht. Sie übersetzen etwa für Einzelpersonen bei Arztbesuchen oder Redner bei großen Veranstaltungen. Manche dolmetschen sogar Musik und machen Melodie und Rhythmus mit ihrem Körper sichtbar. „Das kann ich nicht so gut. Extrovertierte Typen können das einfach besser“, lächelt Benner.


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