Broschüre "Deine Rechte" für Pflegekinder

Schutz für Pflegekinder

In Deutschland gibt es über 70.000 Pflegekinder – Tendenz steigend. Kinder und Jugendliche leben in Pflegefamilien, weil die biologischen Eltern beispielsweise mit der Erziehung überfordert oder krank sind. Pflegeeltern zu sein ist kein Beruf, sondern idealerweise eine Berufung: Menschen nehmen Kinder und Jugendliche aus sozialem Engagement heraus auf und erhalten hierfür eine Aufwandspauschale. Allerdings wollen trotz des hohen Bedarfs immer weniger Menschen Pflegeeltern werden und für Pflegekinder fehlt es an leicht zugänglichen Anlaufstellen. Hier setzt eine neue Plattform an, die Prof. Dr. Mechthild Wolff von der Hochschule Landshut maßgeblich mitgestaltet hat.

Frau Professorin Wolff, wie sieht das Leben von Pflegekindern und -eltern aus? Wie werden sie bisher unterstützt?

Junge Menschen leben manchmal mit weiteren Pflegekindern oder mit den biologischen Kindern der Pflegeeltern in einem Haushalt zusammen. Im besten Fall werden sie als neue Familienmitglieder integriert; sie gehen also zur Schule, fahren mit ihrer Pflegefamilie in den Urlaub und machen alles, was andere jungen Menschen auch machen. Wenn es geht, sehen sie regelmäßig ihre biologischen Eltern. Da das alles nicht immer einfach ist, werden Pflegeeltern, Herkunftseltern und junge Menschen gut begleitet durch Fachkräfte in der Pflegekinderhilfe, die im Jugendamt angesiedelt ist. Pflegeeltern werden gut vorbereitet und unterstützt.   

Funktioniert das meistens gut? Welche Probleme sind denkbar?

Es gibt in Deutschland viele engagierte Pflegeltern, bei denen junge Menschen sehr gut aufgehoben sind. Es hat allerdings in den letzten Jahren einige Fälle gegeben, in denen Pflegeeltern nicht gut ausgewählt wurden und die Begleitung der Familie nicht gut geklappt hat. Jugendämter haben mitunter sehr viele Betreuungen zu leisten, aber ihnen können junge Menschen auch durchrutschen und dann wird mögliches Fehlverhalten von Pflegefamilien nicht bekannt. Es kann auch sein, dass Pflegekinder auf dem Land isoliert sind oder isoliert werden und nur schwer selbst aus möglichen missbräuchlichen Situationen herauskommen. Dafür wurden Schutzkonzepte für die Pflegefamilie gefordert und im letzten Jahr als Standards in das geltende Gesetz (SGB VIII) aufgenommen. Sie kommen langsam in die Umsetzung.

Welche Schutzkonzepte sind konkret notwendig?

Die Pflegekinderhilfe und alle Kooperationspartner*innen müssen zunächst für die Rechte junger Menschen sensibilisiert werden – und damit auch für die möglichen Gefährdungen, denen sie in Pflegefamilien ausgesetzt sein können. Nur mit Achtsamkeit bemerkt man, wenn es einem jungen Menschen nicht gut geht. Pflegekinderdienste müssen Beschwerdestellen einrichten, die niederschwellig sind und auch genutzt werden. Personen des Vertrauens müssen den jungen Menschen an die Seite gesellt werden, damit sie in Notsituationen Anlaufstellen und Beratungsmöglichkeiten haben und diese auch nutzen. Wenn es eine Krise gibt, müssen die verantwortlichen Sozialarbeiter*innen nach einem vorher festgelegten Interventionsplan handeln und Fälle emotional und ggf. rechtlich und/oder wissenschaftlich aufarbeiten. Diese Standards werden mittlerweile an die Jugendämter gestellt.         

Die Broschüre „Deine Rechte“ der Initiative FosterCare spricht unterschiedliche Themen an, darunter das Recht auf Schutz, Gesundheit, Partizipation, Information, Bildung und Familie. Cäcilia Hasenöhrl, Meike Kampert, Kirsten Röseler und Mechthild Wolff haben die Inhalte erarbeitet, Icons von Lea Autenrieth, Layout und Design von Veerle Verhaert.

   

Auf welche Weise wird die neue Plattform helfen?

Die Internet-Plattform „Schutzkonzepte für die Pflegekinderhilfe“ ist eine Initiative, der sich sieben deutsche Landesjugendämter angeschlossen haben und die die Entwicklungskosten übernehmen. Die Universität Hildesheim (Prof. Dr. Wolfgang Schröer, Dr. Tanja Rusack) und die Hochschule Landshut (Prof. Dr. Mechthild Wolff, Andreas Streicher) setzen das Projekt um.

Die Internet-Seite wird als Multiplikator*innenmodell aufgebaut. Das bedeutet, alle Praxismaterialien, Rechtstexte, Podcasts und Lehrfilme, die hier für die einzelnen Schritte zur Entwicklung eines Schutzkonzeptes erarbeitet und zur Verfügung gestellt werden, sollen sich rasch verbreiten können. Darum wird das Material so aufbereitet, dass es schnell einsetzbar ist und anderen Personen zur Verfügung gestellt werden kann. Auf diese Weise wird Wissen schnell in die Fläche gebracht. In den Entwicklungsprozess fließen auch Erkenntnisse und Materialien mit ein, die im Forschungs- und Entwicklungsprojekt „ForsterCare“ gewonnen werden konnten, das von den Universitäten Hildesheim, Ulm und von der Hochschule Landshut umgesetzt und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde (www.diebeteiligung.de/schutz/projekt-fostercare/projektbeschreibung/).              

Und noch ein paar Zahlen/Daten/Fakten:

Es sind sieben Landesjugendämter beteiligt, die eine Konzeptgruppe gemeinsam mit den Entwickler*innen bilden. Auf diese Weise kann die Entwicklung partizipativ und zielgruppennah erfolgen.   

Wer ist beteiligt?

Zu den Fördergebern dieser Internet-Plattform gehören: Landesjugendamt Hamburg, Landesjugendamt Niedersachsen, Landesjugendamt Sachsen, Landesjugendamt Brandenburg, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Landschaftsverband Rheinland, Landesjugendamt Saarland.

Welches Volumen wurde bewilligt?

Für das Projekt stehen derzeit 70.000 € zur Verfügung. Sollten weitere Landesjugendämter hinzukommen, wird das Projekt ausgebaut. 

Über welchen Zeitraum?

Das Projekt wird zunächst ein Jahr laufen. Ein Projektmitarbeiter wird ab Mitte Oktober 2022 mit der Arbeit beginnen.   

Frisch erschienen ist das Buch „Schutzkonzepte in Pflegefamilien“.

https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/47511-schutzkonzepte-in-pflegefamilien.html

Die Fragen stellte Maja Jerrentrup


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