Das Forschungsteam setzt sich zusammen aus dem Fachpraktischen Mitarbeiter Jung-Woo Kim (Mitte) und den studentischen Hilfskräften Christina Andreas (zweite von links) und Pia Räß (ganz links). Prof. Dr. Sabine Fries (ganz rechts), übernimmt zusammen mit Prof. Dr. Uta Benner (zweite von rechts), die Leitung des Projekts zur Bewusstseinsbildung und Nachwuchsgewinnung im Bereich GSD. Foto: Hochschule Landshut

Mehr Dolmetscherinnen und Dolmetscher für Gehörlose

19.12.2022|Forschungsnews

An der Hochschule Landshut startet das neue Projekt „Sign Up“ zur Bewusstseinsbildung und Nachwuchsgewinnung für eine Ausbildung im Bereich Gebärdensprachdolmetschen, Übersetzen und Kommunikationshilfen für Menschen mit Hörbehinderung, einschließlich taubblinder Menschen.

In Deutschland leben etwa 83 Millionen Menschen. 200.000 Menschen nutzen die Deutsche Gebärdensprache (DGS) als Kommunikationsform. Davon sind ca. 83.000 gehörlos. Sie befinden sich, in Relation aller, in einer Minderheit und kommunizieren hauptsächlich in DGS. Vergleichbar mit der Lautsprache für Hörende ist die Gebärdensprache für die gehörlose Bevölkerung laut dem Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. ebenfalls eine eigenständige, vollwertige Sprache. Allerdings stehen für sie derzeit nur etwa 800 ausgebildete Gebärdensprachdolmetscherinnen und -dolmetscher bereit, die in der Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen zwischen Lautsprache und Gebärdensprache dolmetschen können. Der Bedarf ist um ein Vielfaches höher. Anfang des Wintersemesters 2022/2023 startete nun an der Hochschule Landshut das Projekt „Sign Up“ unter Leitung von Prof. Dr. Sabine Fries und Prof. Dr. Uta Benner, um dieser Minderheitengruppe mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und dem Mangel an Dolmetscherinnen und Dolmetschern entgegenzuwirken.

Auf Verständigungshilfe angewiesen

Egal ob in der Schule, in der Arbeit oder beim Arzt: Sowohl Hörende als auch Gehörlose kommunizieren jeden Tag in allen möglichen Bereichen und sind auf den Austausch mit anderen angewiesen. Oft haben sich hörende Personen noch nicht mit dem Thema rund um Gehörlosigkeit und Gebärdensprache auseinandergesetzt, da die Hörbehinderung im ersten Moment unsichtbar ist. Gehörlose Personen haben eine eigene visuelle, voll wahrnehmbare Sprache. Für sie ist die Gebärdensprache ihre Muttersprache. Da Hörende meist nicht die Gebärdensprache beherrschen, sind Gehörlose auf Verständigungshilfe angewiesen. Die Vielfalt der Menschen innerhalb der Community verlangt zudem eine Vielfalt an Kommunikationszugängen. Das Projekt Sign Up behandelt daher auch andere Kommunikationszugänge wie beispielsweise Taubblindenassistenzen.

Mehr Barrierefreiheit und Inklusion in Deutschland

Ziel des Projekts ist es, durch Aufklärung, Bewusstseinsbildung und einer Marketingkampagne mehr Menschen zu erreichen, die ebenfalls einen Beitrag zur Reduktion des massiven Dolmetschermangels leisten möchten. Somit wäre es in naher Zukunft möglich, die Bedürfnisse Gehörloser weiter in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken und für mehr Barrierefreiheit und Inklusion in Deutschland zu sorgen. Durch das Projekt soll die Anzahl an Bewerberinnen und Bewerber für diesen Studiengang wieder erhöht werden. Es wird gezielt auf die Vorteile und Inhalte, die der Beruf mit sich bringt, eingegangen. Denn Dolmetscherinnen und Dolmetscher bekommen die einzigartige Möglichkeit, gehörlosen Personen einen adäquaten Zugang zu den verschiedenen Lebensbereichen zu schaffen.

Bedarf an Dolmetscherinnen und Dolmetscher

„Auch 20 Jahre nach der Anerkennung der Deutschen Gebärdensprache und über 10 Jahre nach der Ratifizierung der UN-BRK stoßen Menschen in Deutschland nach wie vor auf Kommunikationsbarrieren. Gerade im Bereich des Gebärdensprachdolmetschens gibt es ein Verfügbarkeitsproblem. Viele Aufträge können aufgrund des Fachkräftemangels nicht vergeben werden“, so die Projektleiterinnen Fries und Benner. Damit der Bedarf an Dolmetscherinnen und Dolmetscher in Zukunft gedeckt werden kann, bieten deutschlandweit acht Hochschulen und Universitäten diese Berufsausbildung an. Die Hochschule Landshut ist der einzige Studienort Bayerns, an dem Interessierte die Möglichkeit haben, einen qualifizierten Bachelor-Abschluss für den zukunftssicheren Beruf als Gebärdensprachdolmetscherin bzw. -dolmetscher zu erlangen. Die Hochschule Landshut kann bereits auf langjährige Erfahrung in der Lehre mit einem breit aufgestellten Team an Muttersprachler und Dolmetscherinnen zurückblicken.


Über das Projekt

Das Projekt Sign Up – Bewusstseinsbildung und Nachwuchsgewinnung für eine Ausbildung im Bereich Gebärdensprachdolmetschen, Übersetzen und Kommunikationshilfen für Menschen mit Hörbehinderung einschließlich taubblinder Menschen – läuft von Oktober 2022 bis September 2024. Die Projektleitung setzt sich zusammen aus Prof. Dr. Sabine Fries und Prof. Dr. Uta Benner, den beiden Professorinnen im Studiengang Gebärdensprachdolmetschen (GSD) an der Hochschule Landshut. Das Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert. Die Höhe der Förderung beträgt 90.000 Euro.

Projektname:Sign Up
Projektleitung: Weitere Projektbeteiligte der Hochschule Landshut:Prof. Dr. Sabine Fries, Prof. Dr. Uta Benner (Co) Jung-Woo Kim, Christina Andreas, Pia Räß
Fördersumme Hochschule Landshut:90.000 Euro
Gesamtsumme:100.000 Euro
Finanzierung:Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

Über die Hochschule Landshut:
Die Hochschule Landshut steht für exzellente Lehre, Weiterbildung und angewandte Forschung. Die sechs Fakultäten Betriebswirtschaft, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik, Interdisziplinäre Studien, Maschinenbau und Soziale Arbeit bieten über 50 Studiengänge an. Das Angebot ist klar auf aktuelle und künftige Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet. Die rund 4.600 Studierenden profitieren vom Praxisbezug der Lehre, der individuellen Betreuung und der modernen technischen Ausstattung. Für Forschungseinrichtungen und Unternehmen bietet die Hochschule eine breite Palette an Projektthemen, die von wissenschaftlichen Fachkräften mit bestem Know-how betreut und umgesetzt werden. Rund 120 Professorinnen und Professoren nehmen Aufgaben in Lehre und Forschung wahr.


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