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Fake-News, Propaganda & Co: Wie behalte ich den Überblick?

07.09.2022|Interview

Jeden Tag erreichen uns unzählige Nachrichten. Manche von ihnen stellen sich als Fake-News heraus. Auch Propaganda bedient sich häufig gezielter Falschmeldungen. Dies zu erkennen, ist bei der Masse an Informationen im Netz allerdings eine Herausforderung. Wie können wir trotzdem den Überblick behalten? Prof. Dr. Michael Bürker von der Hochschule Landshut klärt auf.

Propaganda ist kein neues Phänomen. Schon immer gab es Versuche, Menschen zu manipulieren – u.a. mithilfe von Desinformation und Fake-News. Im Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine hat das Thema aktuell wieder an Brisanz gewonnen. So ist von einer Propagandaschlacht die Rede, die häufig über neue Medien und soziale Netzwerke ausgetragen wird. Doch wie erkennen wir bei der Vielzahl an Nachrichten, Meldungen, Posts und Videos, was Wahrheit ist und was nicht? EINFALLSreich hat Prof. Dr. Michael Bürker, Professor für Marketing, Kommunikation und Marktforschung an der Hochschule Landshut, um seine Einschätzung gebeten.

Herr Professor Bürker, das Thema Fake-News und Propaganda hat aktuell mit dem Ukrainekonflikt eine neue Dimension erreicht. So rechtfertigte Putin den Einmarsch russischer Truppen damit, die Ukraine „entnazifizieren“ zu wollen. Ist diese Aussage ein Paradebeispiel für Propaganda?

Prof. Bürker: Die Frage ist komplexer und schwerer zu beantworten, als es auf den ersten Blick aussieht. Was meinen wir, wenn wir „Propaganda“ sagen? Woran können wir sie erkennen? Müsste erfolgreiche Propaganda gerade nicht erkennbar sein, um zu funktionieren?

Am Beispiel der Ukraine können wir lernen, wie fakten- und geschichtsverzerrend Propaganda sein kann. Mit Blick auf die Historie war das Land vom zweiten Weltkrieg mit 8 Millionen Toten, davon 5 Millionen Zivilisten, besonders schwer getroffen. Die Kollaboration großer Teile der ukrainischen Bevölkerung mit den Deutschen wandte sich vor allem gegen Kommunisten und Rote Armee. Ende 2013 führte die Enttäuschung über ein korruptes und autoritäres Regime und der Wunsch nach einem EU-Beitritt zu Protesten der Bevölkerung. Aber ist das schon Nationalsozialismus?

Ein Land, über das wir so wenig wissen, kann leicht zu einem Spielball von Medien und Vorstellungen werden. Zweitgrößtes Land Europas? Kornkammer der Welt? Wer hätte das gedacht? Desinformation funktioniert besonders gut bei Wenig- bis Uninformierten. Insofern waren die Voraussetzungen gut für Propaganda, die ankommt.

Prof. Dr. Michael Bürker ist an der Hochschule Landshut Professor für Marketing, Kommunikation und Marktforschung

Wie funktionieren klassische Propagandamethoden?

Prof. Bürker: Propaganda setzt auf klare Gegensätze, um ihre Ziele zu erreichen: Hier wir – dort die anderen. Hier die Guten – dort die Bösen. Abgrenzung und Identitätsstiftung in Einem. Wir sind nicht wie die – die sind anders. Die eigene Gruppe wird überhöht, die anderen werden zum Gegner, zum Feind gemacht. Dafür werden alle Register der Kommunikation gezogen: Klare, reduzierte Sprache, Bilder, Rückgriff auf archaische Vorstellungen. Ohne Geschichte und Mythos funktioniert keine Propaganda. Wir dürfen nicht vergessen, dass Geschichte immer Geschichtsschreibung und -interpretation ist. Propaganda beansprucht absolute Wahrheit, sie kennt keinen Zweifel.

Propaganda ist Kommunikation plus Indoktrination via Massenmedien. Sie ist eine geplante und organisierte Form der Kommunikation und bedient sich der Techniken der Kampagnenführung: Emotionalisierung, Personalisierung und Storytelling. Wikipedia zählt über 80 Propagandamethoden auf. Zum Beispiel: Vereinfachung, Angsterzeugung, Ausnutzen von Vorurteilen und Stereotypen, Glorifizierung, Personenkult, Dämonisierung, Ästhetisierung.

Harold D. Lasswell, einer der Begründer der amerikanischen Kommunikationsforschung, definierte Propaganda 1927 als das Management kollektiver Einstellungen und Haltungen durch die Manipulation signifikanter Symbole. Das Publikum soll gar nicht selbst entscheiden, wie es Kommunikation versteht und im Anschluss handelt. Umgekehrt gilt: Propaganda funktioniert nicht, wenn sie auf ein Publikum trifft, das gut informiert und aufgeklärt ist.

Staatliche Propaganda wird nicht nur in Diktaturen angewendet, sondern auch in Demokratien. (Man denke nur an die angeblichen Beweisfotos der CIA über Massenvernichtungswaffen im Irak.) Darüber hinaus werden wir tagtäglich mit Fake-News konfrontiert – vor allem mit Bezug auf die Coronapandemie. Gibt es einen Unterschied zwischen klassischer Propaganda und Fake-News?

Prof. Bürker: Propaganda arbeitet mit Desinformation. Ich bevorzuge diesen Begriff anstelle von „Fake News“, um einem politischen Kampfbegriff aus Trump-Wahlkämpfen keine wissenschaftliche Legitimation zu geben. Propaganda bezieht sich in erster Linie auf politische Kontexte. Und dort in erster Linie auf nicht-demokratische Akteure. Desinformation kommt dagegen in praktisch allen Lebenssituationen vor. Das reicht von kleinen Notlügen im Alltag über Mobbing in Schulen und am Arbeitsplatz bis zur Werbung. Entscheidend ist das Ziel, die Wahrnehmung der Wirklichkeit mit kommunikativen Mitteln zu beeinflussen.

Edward Bernays, ein Neffe Siegmund Freunds, hat 1928 die junge, aufstrebende Profession „Public Relations“ als Propaganda bezeichnet. Der Begriff hatte damals nicht die negative Konnotation wie heute. Er sprach von „Engineering of Consent“. Es ging um das systematische Gewinnen von Zustimmung und die Herstellung von Konsens. Dafür sollten weniger Fakten verdreht werden als Fiktionen ins Spiel gebracht werden. Ein Beispiel dafür war eine Kampagne der amerikanischen Zigarettenindustrie in den 1920er-Jahren, die dafür eintrat, dass auch Frauen rauchen dürfen – natürlich nicht aus emanzipatorischen Gründen, sondern um den Umsatz zu steigern. Gemeinsam ist beiden Begriffen, dass sie manipulative Ziele verfolgen und dafür mit gezielter Desinformation arbeiten.

Wie können wir Falschmeldungen erkennen und von echten Fakten unterscheiden? (Haben Sie dazu konkrete Tipps?)

Prof. Bürker: Die schlechte Nachricht ist: Auf den ersten Blick lassen sich Falschmeldungen nicht erkennen. Woran liegt das? Machen wir ein einfaches Gedankenexperiment. Stellen Sie sich eine Nachrichtensendung im Radio oder Fernsehen vor: Sehen Sie Kamera oder Mikrophon? Nein. Sehen Sie die Nachrichtenquelle? Nein.

Die Informationen sind medial vermittelt. Und das in doppelter Weise: Über das Träger- und Verbreitungsmedium wie Internet, TV oder Radio – und durch Sprache, Töne und Bilder. Das heißt: Die Situation oder Wirklichkeit über die berichtet wird, ist im Moment der Berichterstattung nicht präsent, sie ist bereits vergangen. Und für den Bericht wird in mehrfacher Hinsicht ausgewählt: Was wird gesagt? Zu wem wird es gesagt? Wie wird es gesagt? Wann und wo wird es gesagt? Es findet immer eine Auswahl statt. Wir sind gar nicht in der Lage die Welt in ihrer Totalität darzustellen oder zu beschreiben. Insofern hat jede Kommunikation immer schon ein Momentum der Manipulation. Entscheidend ist die Frage, ob die Auswahl getroffen wird, um ein möglichst wahrheitsgetreues, das heißt nachprüfbares Bild zu vermitteln oder um die eigenen Ziele durchzusetzen.

Propaganda findet heute zunehmend verschleiert statt, meist über soziale Medien. So soll Russland mithilfe von lancierten Falschmeldungen und sogenannten Trollen die Präsidentschaftswahl in den USA 2016 beeinflusst haben. Wird es damit immer schwieriger, Falschmeldungen als solche zu erkennen?

Prof. Bürker: Ob eine Meldung falsch ist oder nicht, hängt zunächst nicht von Quelle oder Medium ab, sondern von den Aussagen. Sind sie wahr, prinzipiell überprüfbar und halten sie Vergleichen mit Aussagen anderer Quellen stand? Falschmeldungen sind teilweise so haarsträubend, dass man sich wundert, wie das jemand glauben kann. Aber es geschieht. Jeden Tag, millionenfach, überall auf der Welt. Menschen vertrauen. Paul Watzlawick hat sinngemäß gesagt, ohne Vertrauen könnten wir keinen Tag überleben. Wir können nicht immer alles prüfen. Wir verlassen uns auf Informationen aus zweiter und dritter Hand.

Und je häufiger wir etwas hören, lesen oder sehen, umso mehr Glaubwürdigkeit messen wir ihm bei. Und jetzt kommen die Trolle und Social Bots in den sozialen Medien ins Spiel: Durch ihr massenhaftes Auftreten erzeugen den Eindruck, dass das Gesagte von vielen Menschen geteilt wird. Verstärkt wird dieser Eindruck durch Filterblasen und Echokammern: Wenn mich nur noch erreicht und wenn ich nur noch lese, was meinen Überzeugungen entspricht, werde ich zum Teil einer vermeintlichen Mehrheit.

Welche Gefahren sind damit verbunden?

Prof. Bürker: Meinungen können sich unter dem Eindruck einer vermeintlichen Mehrheit zu tatsächlichen Mehrheiten aufschaukeln und zu entsprechendem Handeln führen. Gedanken führen zu Worten und Worte führen zu Taten. Fast immer spielen dabei sozialoptische Täuschungen eine Rolle: Lautstarke Minderheiten werden überschätzt, eher schweigsame Mehrheiten werden unterschätzt. Die sozialpsychologische Kommunikationsforschung hat dies als „Pluralistic Ignorance“, „Looking Glass Perception“ und in der „Theorie der Schweigespirale“ ausführlich untersucht und belegt.

Dies kann so weit gehen, dass selbst Menschen, die keine sozialen Medien nutzen, auf dem Umweg über Dritte trotzdem von ihnen beeinflusst werden. So konnten die Tweets von Trump Einfluss ausüben werden, obwohl nur rund zehn Prozent der Deutschen und 20 Prozent der Amerikaner Twitter nutzen.

Die Folgen sind politische Verwerfungen, wie wir sie seit einigen Jahren in fast allen westlichen Industrienationen beobachten können: Populismus und Radikalisierung bis hin zu gesellschaftlicher Spaltung. Die entscheidende Frage wird sein, wie wehrhaft die Demokratie ist.

Was können wir dagegen tun?

Prof. Bürker: Die einfachste Möglichkeit ist, nicht alles sofort zu liken und zu teilen, sondern Aussagen mit anderen Quellen zu vergleichen. Wer unterschiedliche Medien nutzt, ist weniger anfällig für Manipulation. Wichtig ist, dass diese Medien ein breites Themen- und Meinungssektrum abdecken. Die großen überregionalen Tageszeitungen und die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender leisten dies. Studien zeigen, dass ihnen zwischen 60 und 80 Prozent der Erwachsenen vertrauen – weit vor privaten TV- und Radio-Stationen, Boulevard-Medien und Social-Media-Plattformen.

Wer dem nicht traut, kann sich mit Bundle (about.bundle.app/de) oder Flipboard (flipboard.com) seine eigene Internetzeitung aus bevorzugten Themen und Quellen zusammenstellen. Zusätzlich können wir Behauptungen prüfen. Gute Fakten-Checks zu aktuellen Themen gibt zum Beispiel von der Deutschen Presse-Agentur (dpa.com/de/unternehmen/faktencheck#faktencheck-bei-dpa) und vom Journalisten-Netzwerk Correctiv (correctiv.org/faktencheck).

Wer wissen möchte, wie gut er oder sie im Umgang mit Nachrichten ist, kann den News-Test (der-newstest.de) der gemeinnützigen „Stiftung Neue Verantwortung“ machen. Die bisherigen Ergebnisse sind ernüchternd: Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung kann Falschmeldungen nicht erkennen, hält Kommentare für Tatsachenbehauptungen und glaubt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einem Ministerium unterstellt ist. Die gute Nachricht ist: Eine Zwei-Drittel-Mehrheit der Bevölkerung tut dies nicht. Sich gegen Desinformation zu wehren, ist ein dauerhafter Prozess. Wenn es einfacher wäre, würden sich Falschmeldungen nicht so massenhaft verbreiten.

Im Zeitalter der sozialen Medien scheinen Meinungen und Erregung wichtiger zu sein als Fakten. Leben wir mittlerweile in einem neuen, postfaktischen Zeitalter?

Prof. Bürker: Ja und Nein. Natürlich gibt es weiterhin Fakten, Sachverhalte, die wir überprüfen können. Zugleich leben wir in einer Welt, die immer stärker durch Medien dominiert wird. Sie bestimmen in zunehmendem Maße, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Das persönlich geprüfte Wissen ist relativ konstant geblieben. Doch mit der Zunahme und Ausdehnung der Medien ist sein Anteil deutlich geschrumpft.

Niklas Luhmann, einer der großen Soziologen des 20. Jahrhunderts, hat in seinem berühmten ersten Satz von „Die Realität der Massenmedien“ gesagt, dass wir fast alles, was wir über unsere Welt wissen, aus dem Medien erfahren. Und wenig später fährt er fort: „Andererseits wissen wir so viel über die Massenmedien, dass wir diesen Quellen nicht trauen können.“ Umso wichtiger ist, dass wir den Umgang mit Medien lernen und Tatsachen und Meinungen unterscheiden können. Bei dieser Aufgabe kann unser Bildungssystem nach meiner Einschätzung noch deutlich nachlegen.

Die Fragen stellte Veronika Barnerßoi


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